Über das Projekt

Im Dezember 2018 wird mit der Schließung der beiden Bergwerke Anthrazit Ibbenbüren und Prosper-Haniel in Bottrop die Geschichte der aktiven Steinkohlenförderung in Deutschland zu Ende gehen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann der steile Aufstieg des industriellen Steinkohlenbergbaus, der über mehr als einhundert Jahre hinweg ein wesentliches Fundament der deutschen Industriewirtschaft und -gesellschaft bilden sollte. Seit dem Ende der 1950er Jahre setzte ein mit Hilfe staatlicher Subventionen zeitlich gestreckter und sozialverträglich gestalteter Schrumpfungsprozess ein, der mit den letzten beiden Zechenschließungen 2018 endgültig auslaufen wird.

Diesen Einschnitt nimmt das Projekt „Digitaler Gedächtnisspeicher – Menschen im Bergbau“ zum Anlass, Menschen, die in ihrem Leben unmittelbar oder auch nur in Teilen mit der Steinkohlenindustrie verbunden waren, nach ihren Erfahrungen und Lebensgeschichten zu befragen. Als „Oral History“ ist das Projekt darauf ausgelegt, subjektive Blicke und Erzählungen aus den komplexen Entwicklungen der sozialen, wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Entwicklung des Bergbaus zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Schließung der letzte Zechen einzufangen und zu dokumentieren. Das schließt ganz unterschiedliche zeitliche und thematische Aspekte ein: den gesellschaftlichen Wiederaufbau nach 1945 und die darauf folgende Phase relativer Prosperität (Stichwort „Wirtschaftswunder"), die aufkommende Bergbaukrise ab 1958 und Gründung der Ruhrkohle AG 1968/69, die Einführung und Praxis der Montanmitbestimmung, die Zuwanderungsgeschichte des Bergbaus, den technischen Wandel im Untertagebetrieb und schließlich den allmählichen Schrumpfungsprozess des Steinkohlenbergbaus in allen verbliebenen Abbaurevieren. Das Projekt hat sich bewusst auf die Steinkohlenindustrie der alten Bundesrepublik konzentriert, also auf das Ruhrgebiet, Ibbenbüren, das Aachener Revier und den Bergbau an der Saar. Ausgespart wird die DDR, wo in den sächsischen Revieren bis in die 1970er Jahre ebenfalls gefördert wurde. Aufgrund der sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bleibt dieses Projekt vorerst ein vorranging westdeutsches.

In der Zeit vom Frühjahr 2015 bis zum Sommer 2018 wurden so mit insgesamt 83 „Menschen im Bergbau“ – vom Hauer bis zum Konzernchef, mit Gewerkschaftern, Ehefrauen, Knappschaftsärzten, mit alten und jungen Bergleuten – ausführliche lebensgeschichtlich orientierte Interviews geführt. Es sollten möglichst viele subjektive Perspektiven auf den Steinkohlenbergbau dokumentiert werden, die in ihrer Gesamtheit zugleich ein aufgefächertes Bild über die vielfältige Entwicklung des Bergbaus seit Ende des Zweiten Weltkriegs aufzeigen.

Auf dieser Website sind Ausschnitte aus einem Großteil der geführten Gespräche zu sehen. Insgesamt handelt es sich um rund 800 Minuten aufbereiteten Videomaterials, das gleichwohl nur einen Bruchteil der gesamten geführten Interviews ausmacht. Die Ausschnitte sind thematisch zusammengeführt und durch knappe kontextualisierende Erläuterungen ergänzt. Zu sämtlichen Interviewpartnern finden sich kurze biographische Angaben. Alle Interviews wurden nach wissenschaftlichen Kriterien erschlossen und recherchierbar gemacht. Sie werden in vollem Umfang durch das Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets nach archivfachlichen Gesichtspunkten dauerhaft gesichert. Dort sind sie einsehbar und werden zur wissenschaftlichen und kulturellen Nutzung zur Verfügung gestellt.

Projektmitarbeiter

Stefan Moitra, Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Projektleiter;
Jens Adamski, Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter;
Katarzyna Nogueira, Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin

Hannah Ruff, Archiv im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets, Archivmitarbeiterin
Maria Akingunsade, Transkriptorin

Alina Koch, Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets, Studentische Mitarbeiterin

Das Forschungsprojekt „Digitaler Gedächtnisspeicher – Menschen im Bergbau“ wird von der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets in Kooperation mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum durchgeführt. Es wird durch die RAG Aktiengesellschaft gefördert.